Seit dem Augenblick, da der erste von uns sich seiner Existenz bewusst wurde, seit Adam also den Apfel aus Evas Hand ergriff und hineinbiss, trachtet menschliches Denken danach, Orientierung in dieser Welt zu finden. Auf der Suche nach Wegweisern richteten unsere Vorfahren bald den Blick auf das nächtliche Firmament und erkannten Zusammenhänge, die allen Reisenden dienten: Die Seefahrer fanden mit ihrer Hilfe sichere Routen über die Meere und die Astrologen Schicksalswege von Staaten und Menschen.Auch heute noch, im aufgeklärten Abendland des 21. Jahrhunderts, erforschen wir mit Hilfe der Astrologie die Weisheit des Augenblicks – auch wenn sich naturgemäß vieles verändert hat: Früher war ein Mensch, wie und was er war. Eine Konstellation am Himmel zum Zeitpunkt einer Geburt zeigte somit ebenfalls etwas Unveränderliches an, dem niemand entrinnen konnte – ebensowenig wie dem Schicksal und dem gesellschaftlichen Stand, in den man hineingeboren worden war. Um die vorletzte Jahrhundertwende jedoch traten einige neue Anschauungen zutage, deren Einfluss dieses Denken auf den Kopf stellten. Darwins Evolutionstheorie erschütterte den Glauben an eine von Gott in sieben Tagen erschaffene Welt. Freud zeigte seinen Mitmenschen, dass sie von unbewussten Trieben und dunklen Kräften in ihrem Inneren mitregiert wurden und Einstein schließlich erklärte seinem erstaunten Publikum, dass die Grundkonstanten Zeit und Raum nicht die soliden Pfeiler des Universums sind, für die sie alle gehalten hatten, sondern im Gegenteil veränderliche, relative Größen im Gesamtgefüge des Kosmos.
Wie der Rest der Menschheit musste sich auch die Astrologie auf diese neuen Entwicklungen einstellen. Sie tat es, indem sie sich eine tiefgreifende Verjüngungskur verschrieb und Doktoren wie Dane Rudhyar und Thomas Ring konsultierte, um die notwendig gewordene geistige Therapie zu verabreichen. Diese inhaltliche Erneuerung im Sinne einer Humanisierung führte schließlich auch zu einer äußeren Renaissance und brachte die Astrologie mit der jungen und aufstrebenden Wissenschaft Psychologie in Kontakt, die sie nochmals entscheidend zu erweitern und bereichern wusste.
Was macht nun psychologische Astrologie aus? Wie hilft sie uns als Menschen geistig und seelisch zu wachsen? Entgegen ihrer älteren Schwester begreift sie das Radix, d.h. das astrologische Geburtsbild eines Menschen, als Anzeiger für die verschiedenen Anlagen, die es im Laufe des Lebens zu entwickeln gilt. Sie ist daher von einem Menschenbild geprägt, das evolutorisch genannt werden könnte und innerhalb dessen der Einzelne nicht als ein unveränderliches System begriffen wird, sondern im Gegenteil als ein entwicklungs- und wandlungsfähiges Wesen.
Die Konstellationen eines Horoskops sind also Anlagen, die es zu entfalten gilt. So wie ein Kind erst Laufen und Sprechen lernen muss, so lernt und entwickelt der Mensch sich eben sein ganzes Leben lang. Aus dem Radix eines Menschen können wir daher weder erfahren, ob er zum König oder zum Bettler geboren ist, ob er reich oder arm sein wird, ob er jung oder alt sterben muss. Das Geburtshoroskop erzählt vielmehr von Grunderfahrungen, um die es einer Seele auf den unterschiedlichen Lebensgebieten geht; von den Vernetzungen innerhalb einer Persönlichkeit und Ansatzpunkten zur Weiterentwicklung; von den Grundthemen und möglichen psychologischen Mustern, die einen Menschen günstig – und leider auch weniger günstig - bestimmen können.
Jeder Mensch wächst in einem vorhandenen Gefüge aus Normen, Geboten und Richtlinien auf. Viele Anlagen können wir daher leider nicht von Beginn an frei entfalten, sondern erleben sie erst einmal in reduzierter oder gehemmter Form. Später erreichen wir – gemäß dem Entwicklungsweg einer Anlage – vielleicht den kompensatorischen Pol, d.h. wir leben unsere Dispositionen als Elternrollenspieler, als Unterstützer des Systems, das uns Jahre zuvor in die Hemmung getrieben hat. Diese Erlebnisebene einer Anlage kostet jedoch sehr viel Energie, denn immer noch müssen wir uns dabei nach den anderen und ihren Maßstäben richten.
Psychologische Astrologie nun kann helfen, jenem Gewirr aus gegenseitigen Abhängigkeiten zu entfliehen und die Anlagen endlich im Sinne des eigenen Selbst auszubilden. Sie kann uns anleiten, störende Grundmuster verständlich zu machen, innerseelische Konflikte aufzudecken und Hintergründe von Krankheit näher zu beleuchten. Ihr Ansatz ähnelt dem moderner Entwicklungshilfe: Gibt man einem hungrigen Mensch einen Fisch, ist er einen Tag satt – lehrt man ihn jedoch das Angeln, wird er niemals wieder Hunger leiden.
Psychologische Astrologie will daher immer mehr, als nur die vordergründigen Fragen unserer Existenz zu beantworten. Sie will helfen, dem Einzelnen die Zusammenhänge seines Lebens klar zu machen, damit er die Regelkreise seines Daseins bewusst in eine für ihn positive Richtung lenken kann. Sie will – und kann – den Mensch in seinem Selbsterkenntnis- und Bewusstwerdungsprozess unterstützen, um ihm auf diese Weise zu mehr innerem wie äußerem Erfolg zu führen.
L.H.